Als Gott die Erde erschaffen hatte, blickte er stolz auf sein Werk. Da fiel ihm auf, dass von allem etwas übrig geblieben war: ein schmaler, aber 4.300 km langer Streifen Land, Vulkane, Gletscher, Eisfelder, Inseln, Strände, Wüste, fruchtbares Land, heiße Quellen und eine Menge Seen. In seiner Not packte er alles in den übriggebliebenen Landstrich. So muß wohl Chile entstanden sein.
Chile war unsere erste Rucksack-Tour in Südamerika. Die Chilenen nennt man auf diesem Kontinent die Deutschen. Es mag auch etwas Neid der Nachbarstaaten mitspielen, da sie das größte Wirtschaftswachstum aufweisen können. Eine wichtige Rolle spielen dabei sicher auch die größten Kupferminen dieser Erde, die in der Atacama-Wüste zu finden sind. Dies war früher bolivianisches Gebiet und es wurde ihnen von den Chilenen im sogenannten Salpeterkrieg einfach genommen, zugleich auch der Zugang zum Pazifik. Als Zugeständnis ist die nordchilenische Stadt "Arica" auch heute noch zugleich die einzige Hafenstadt Boliviens. Das Land gilt aber auch als das sicherste und ist somit bestens als Einstiegsland für Südamerika geeignet. Als Deutscher darf man es allerdings nicht persönlich nehmen, wenn man gerade in ländlichen Gegenden mit "Heil Hitler" begrüßt wird. Auch unsere Verärgerung und das Erstaunen darüber ließ erst nach, als man uns erklärte, dass sie glauben, einem damit eine Freude zu machen. Sie wissen oftmals nicht mehr über unser Land und wurden in bestimmten Gegenden auch durch die deutschen Naziflüchtlinge geprägt. Wir landeten in Santiago de Chile und waren schon im Anflug begeistert von den hohen schneebedeckten Gipfeln der Anden, die mit über 6.000 m fast bis an die Tragflächen unseres Flugzeuges reichten. Wir verbrachten 3 Tage in der Stadt und schlenderten durch das historische "Santiago", dessen Mitte sich aus dem "Plaza de Armas" mit seiner Mischung aus Kolonialem und Modernem bildet. Wir verließen die Stadt jedoch nicht, ohne im "Mercado Central" einen frischen Congrio zu essen. Chile hat einen unglaublichen Fischreichtum aufgrund des kalten Humboldtstromes aus der Antarktik und wir wussten, dass an diesen Märkten stets prima zubereiteter frischer Fisch zu bekommen ist. Dies gilt natürlich auch für alle anderen Gerichte, die dort preiswert zu haben sind und ein Muss für jeden Touristen sind. Unbedingt muss man auch den "Pisco sour", das Nationalgetränk, probieren, das aus Pisco, Limonensaft, Puderzucker und Eischnee besteht.
Wir flogen auf dem direkten Weg nach Punta Arenas, der südlichsten Kolonialstadt der Welt, die auch als schönste Patagoniens gilt. Sie liegt an der "Magellan-Straße" und wir konnten auf der anderen Seite Feuerland sehen. Wegen des mit 22.000 qkm größten Inlandeisfeldes kann der Südteil des Landes sonst nur auf dem Landweg über Argentinien oder per Schiff erreicht werden.
Unser Ziel war jedoch der Nationalpark Torres del Paine, und hier die Umrundung des Massives zu Fuß in 6 Tagen. Schon als wir den Ausgangspunkt Puerto Natales mit dem Bus erreichten, steigerte sich unsere Vorfreude auf das Kommende. Ein kleiner Ort, die Häuser mit bunten Verblechungen gegen die Stürme geschützt, nette private Unterkünfte und günstige kleine Lokale. Zudem ein richtiger Trekker-Flair, denn ab hier kann man alle möglichen Tages- und Mehrtagestouren machen bis hin zum "Grande Circuito", den wir uns ausgesucht hatten. Den 1. Tag marschierten wir mit unseren großen Rucksäcken in strömendem Regen mit Starkwinden dahin und wir fragten uns insgeheim, warum wir uns das eigentlich antun. Von den Traumbergen wie "Torres" oder "Cuernos" war weit und breit nichts zu sehen. Nachts im Zelt hofften wir auf den nächsten Tag, die bizzaren Felsformen mit den schwarzen Granithauben dieser einmaligen Berge vor Augen. Wir sind um die halbe Welt gereist, um sie zu sehen und …jetzt das! Ein chilenischer Bergsteiger erzählte uns am Vortag noch, dass er bei der letzten Umrundung neben Regen auch noch Schneesturm hatte und weder das Inlandeisfeld noch irgendwelche Gipfel zu Gesicht bekam. Na vielen Dank für die Infos! Der patagonische Himmel erhörte unsere Gebete und schloss die Schleusen. Im Laufe des Tages brannte uns die Sonne auf unsere mit Hüten und Sunblocker geschützten Häupter, dass wir abends starke Kopfschmerzen bekamen. Die UV-Belastung ist hier um ein Vielfaches höher und man muss alles dafür tun, um sich dem nicht auszusetzen. Hier war Sommer, was nicht heißt, dass es innerhalb einer halben Stunde nicht stürmen, regnen und sogar schneien kann. Wir mussten uns auf alle 4 Jahreszeiten einstellen, aber es war eben auch die Chance, dass der Sommer dabei war. Wir hatten Gehzeiten von 6 bis 12 Stunden täglich, aber alleine die phänomenalen Blicke und die Schönheit der Natur entschädigten für alles. Entlang des "Lago Grey", hinauf an die Granitwände der "Torres", durch Blumenwiesen bis in die Gletscherregionen des "Paso John Garner", von dem man von oben einen großartigen Blick auf dieses einmalige Eisfeld hat. Das Wetter war insgesamt echt prima, was nicht ausschließt, dass es in Minutenabständen regnet, was der Himmel hergibt und wenn man dann 10 Minuten in Regenkleidung läuft, wir diese wieder ausziehen mussten, weil die Sonne vom Himmel lachte – ja, so ist eben Patagonien. Wir können nur dazu raten, ein Zelt mitzunehmen, das man gut verschnüren kann, da schon so manchem Trekker sein Zelt in Fetzen hing, wenn die patagonischen Winde pfiffen. Wir trugen Stativ und Filmkamera mit uns und die ersten Szenen für unseren Film "Worlds End" waren im Kasten.
Wir machten einen Riesensprung hinauf nach Antofagasta, wo wir unseren Allrad-Jeep übernahmen, um von dort durch die Atacama-Wüste und hinauf in den "Salar de Surire" und "Lauca-Park" zu gelangen. Erstes Ziel war natürlich das Städtchen Calama, wo wir die größten Kupferminen der Erde besichtigten. Gigantische Lastwagen mit 4 m hohen Reifen und 225 t Ladekapazität brauchen über steile Serpentinen 1 Stunde, um am tiefsten Punkt der offenen Mine beladen zu werden. 630.000 t reines Kupfer werden so jährlich gefördert. Die Arbeiter hier in dieser größten chilenischen Dreckschleuder mit verseuchtem Grundwasser usw. sind die bestverdienendsten des Landes, wohnen mietfrei und bekommen Freiflüge in die Ferien. Nach dem Besuch von San Pedro verbrachten wir die Nacht in der Weite der Wüste, nicht ohne vorher vom warmen Sand unsere Isomatten aufwärmen zu lassen, denn die Nächte hier draußen sind bitterkalt. Aber die Sonnenuntergänge in den Wüsten sind an Einmaligkeit nicht zu überbieten. Malerische Orte der Atacama-Indianer sowie deren wassersprudelnde Oasen waren unser nächstes Tagesziel. Die Schönheit ist schwer zu beschreiben, wenn man im sprudelnden Quell der Oase planscht und den Blick über die endlose Weite der Wüste, begrenzt durch die schneebedeckten Vulkane am Horizont, schweifen lässt. Nach einer Flußdurchquerung, vorbei am "Val de Luna" schraubten wir uns in Serpentinen hinauf zu den auf 4.300 m höchstgelegensten Geysirfeldern der Welt. Die Nacht war wieder bitterkalt und die Höhe tat alles, um ein beklemmendes Gefühl beim Atmen zu bekommen. Immer wieder mussten wir aus den Schlafsäcken und versuchen, uns zu beruhigen. Der schnelle Puls wirkte dem entgegen. Der Anblick der "Tatio-Geysire" im Morgengrauen entschädigte uns für die unruhige Nacht. Ein unvergessliches Schauspiel des aus den Fumarolen austretenden Dampfes vor dem atemberaubend blauen Himmel des Altiplano. Aufpassen, dass man nicht zu Nahe an die mit kochendem Wasser gefüllten Becken tritt, da die Ränder brechen können, was tödlich enden kann.
Als wir in die abgelegenen Gebiete des Salar de Surire starteten, waren wir uns schon im Klaren, dass wir hier tagelang auf uns selbst gestellt sind. Ausreichend Wasser und Essen, 2 Ersatzräder sowie ein stabiles Nervenkostüm sind die Voraussetzung für diese Variante. Dass wir alles auch beanspruchen würden, damit haben wir jedoch nicht gerechnet. Das Zelt ist wegen den Minenfeldern zu Bolivien nur unmittelbar neben den Pisten aufzubauen. Deshalb auch keine Fußmärsche ins Gelände, nicht einmal für einen Toilettengang. Es ging vorbei an "Isluga", einem verlassenen Dorf, das lediglich noch als Ritual-Dorf für die Aymara dient. Der Jeep steckte bei einer Flussdurchquerung fest und konnte sich erst im Allrad mit umgedrehten Naben wieder ausgraben, nicht ohne die Bodenbleche und die Stoßstange abzureißen. Den mitgeführten Benzinkanister sicherten wir auf der Ladefläche mit einer dicken Kette, da der Verlust durch Diebstahl für uns fatale Folgen gehabt hätte. Als die Schotterpiste weggerissen war, nötigte uns ein Indio zur Abgabe einiger Essensvorräte als Preis dafür, dass er uns einen anderen Weg zeigte. Dabei überschritten wir unbewusst die Grenze zu Bolivien und kamen im Lauca-Park mit dem chilenischen Fahrzeug von der falschen Seite zur Grenzstation. Sprachschwierigkeiten, auf die die Beamten wohl keine Lust hatten, ermöglichten uns problemlos die Rückkehr nach Chile. Wenn wir hier oben abends in den mit Thermalwasser gefüllten Naturbecken saßen, drehten sich die Gedanken um zum Wesentlichen und Wichtigen – dem eigentlichen Sinn des Lebens. Vom "Lago Chungara" auf 4.000 m ging es bergab, vorbei am kleinen Aymara-Dörfchen "Isluga" hinab zur Pazifik-Küste nach "Arica". In "Parinacota" verbrachten wir die Nacht im Jeep, nachdem wir bei einer Aymara-Familie im Lehmhaus Alpacafleisch gegessen und Koka-Tee getrunken hatten. Unser Benzinkocher hatte gestreikt und wir haben nach etwas Essbarem gefragt. Es war für die Menschen eine Selbstverständlichkeit, uns zu helfen. Wir saßen dickeingepackt mit Handschuhen und Mütze bei kalten Temperaturen um einen Holztisch und lauschten dem Spiel auf den selbstgebauten Panflöten. Das kann man nirgendwo buchen – das sind einmalige Erlebnisse. Danke dafür, manchmal ist ein defekter Kocher auch für etwas gut!
Entlang der Küste ging es über die Kolonialstadt Iquique zurück nach Antofagasta und von dort über Santiago in die Heimat. Vor der Rückgabe unseres Jeeps gaben wir alles Essbare aus unseren Rucksäcken einer Familie, die am Strand unter Plastikplanen hauste. Darunter auch ein 5-l-Kanister mit frischem Trinkwasser. Wir blickten in ungläubige Augen und die Kleinste rief ihrer Mutter zu: „Mama, Aqua…Aqua“. Das frische Trinkwasser war nicht selbstverständlich.
Als wir am "Lago Chungara" standen und in die Weiten Boliviens hinüberblickten, sahen wir uns an und waren uns einig: Wir müssen zurückkommen und wissen, wie es dort weitergeht zur größten Salzwüste "Salar de Uyuni" und vielleicht zum "Titicacasee". Dass es schon ein Jahr später Wirklichkeit wurde, davon konnten wir in dem Moment nur träumen.