Unsere Tour begann in Buenos Aires. Der erste Eindruck dieser Stadt hat uns sofort begeistert. Freundliche Menschen, Musik und natürlich überall der Tango. Überall heißt auch überall. Speziell im Ortsteil "La Boca" wird er an jedem Hauseck getanzt, ...was heißt getanzt? Vergeßt alles, was ihr bisher mit Tango verbunden habt. Der Tango hier ist so heiß und erotisch, dass er einfach nur jeden begeistern kann. Apropos "La Boca": die Heimat des Fußballklubs "Boca Juniors", der Ex-Klub von Diego Maradonna, der hier nach wie vor vergöttert wird und present ist, als hätte er die letzte argentinische Meisterschaft im Alleingang entschieden. Als wir das Stadion besichtigten, haben uns Taxifahrer unmißverständlich klargemacht, hier schleunigst zu verschwinden, weil es für Touris einfach nur gefährlich ist. So schlenderten wir durchs alte "La Boca", erbaut aus Planken und Blechen alter Schiffe, dick mit buntem Bootslack bemalt. Und in den Gassen ...natürlich der Tango. Nachts begegnet man in den Strassen den berühmt berüchtigten "Cartonerios", das sind ganz arme Menschen aus den Slums, die auf Wägelchen riesige Altkartonpakete transportieren, die sie aus dem Straßenmüll heraussortieren. Dafür bekommen sie ein paar Peso, die bei weitem nicht zum Leben reichen.
Als wir Buenos Aires in Richtung Patagonien verließen, weinte der Himmel einige dicke Tränen. Wir denken, die Stadt und wir haben uns in den paar Tagen richtig lieb gewonnen. Wir landeten in "El Calafate". Schon vom Flugzeug aus sahen wir die endlose Weite, die riesigen Seen und Gletscher. Das Zusammenspiel dieser endlosen Tundra mit den vielen Flüssen und Seen vor dem Hintergrund der majestätischen Berge erzeugte in uns ein Gefühl, wie wir es sonst noch nirgendwo verspürt haben. In "El Chalten", einem kleinen Ort mit kleinen bunten Häuschen am Ende der Welt, packten wir unsere Rucksäcke und starteten zu den Gletschern des "Cerro Torre". Die nächsten Tage bestand unsere Speisekarte aus einem Stück patagonischer Wurst (wir hoffen, den Gedanken an den Geschmack im Laufe der Zeit zu verlieren) und ein paar Scheiben Brot. Wasser nur aus den Bächen und das Abendmenü bestand aus Quellnahrung. Das kommt daher, weil wir in "El Chalten" nichts anderes mehr kaufen konnten. So enstand ein Loch zwischen dem schrecklichen Frühstück und dem guten Abendessen, das wir nur mit Wasser + 1 Calzium/Magnesiumtablette füllen konnten.Vor lauter Wolken und Regen war vom "Cerro Torre" weit und breit nichts zu sehen. Unsere Beharrlichkeit wurde wohl vom patagonischen Himmel belächelt, was zur Folge hatte, dass er am nächsten Tag die Sonne zum Trocknen unserer Sachen schickte und ... einen atemberaubenden Blick auf den "Cerro Torre" und die Gletscher freigab. Norbert stand nach dem Aufwachen in langer Unterhose mit der Kamera auf dem Moränenhügel und schrie lauthals vor Begeisterung. An diesem Traumtag packten wir unsere Sachen und zogen in Richtung des "Fizroy", der einer der schönsten Berge der Welt sein soll. Unser Ziel war das Basislager "Rio Blanco". Wir erreichten es abends und stiegen nach einer stürmischen Nacht im Zelt frühmorgens zu den Gletschern auf. Selbst Reinhold Messner ist hier einmal gescheitert, ...wohl aber mehr wegen dem Wetter. Das Wort Berg klingt hier fast zu allgemein. Für diese Felsformen müßte das Wort neu definiert werden. Wir saßen ewig hier oben und konnten uns nicht sattsehen. Durch Tundra-Ebenen ging es wieder zurück nach "El Chalten", wo wir im Dunklen eintrafen. Die Beine und der Rücken schmerzten, weil unsere Rucksäcke trotz strengster Zensur wieder einmal zu schwer waren, was jedoch sicher nicht am mitgetragenen Essen lag. Aber was solls! Nach dem Duschen verdrückten wir ein richtiges argentinisches Steak (ca. 400 g) und die Welt war wieder in Ordnung. Mit dem Linienbus erreichten wir "Perito Moreno Glaciares". Das größte Inlandseisfeld der südlichen Erdhalbkugel endet hier am "Lago Argentino", dem drittgrößten See Südamerikas. 5 km Gletscherrand mit einer Höhe von ca. 60 m. Es brechen wohnhausgroße Eisstücke ab und treiben auf dem See dahin bis sie geschmolzen sind.
Wir packen alles zusammen und wollen Morgenfrüh mit dem Flugzeug nach Salta in den Nordwesten Argentiniens. Heftige Böen peitschten die Regengüsse schon im Landeanflug gegen die kleinen Fensterchen unseres Flugzeuges und ließen es scheinbar zum Spielball der Turbulenzen werden. Uns war von einer gewissen Flugerfahrung nicht mehr viel anzumerken, denn wir hielten uns ebenso krampfhaft an den Armlehnen der Sitze fest wie alle anderen Passagiere auch. Entgegen unseres eisernen Prinzipes, nicht nach dem Landeanflug, wie bei den NUR- und TUI-Reisen üblich, heftig Beifall zu klatschen, taten wir es diesmal auch, was sicherlich mit einer gewissen Erleichterung über die Rückkehr auf "Pacha-Mama" zu tun hatte, wie sie hier in Südamerika die Mutter Erde nennen. Ganz nebenbei war es natürlich auch die Anerkennung für die fliegerische Glanzleistung unseres "Capitanos". Wir sind gespannt, was uns dort auf unserer 18-tägigen Jeep-Tour durchs Hochland an den Grenzen zu Bolivien und Chile erwartet. Argentinien ist nicht nur ein riesiges Land, wo unser Deutschland immerhin 8-mal darin verschwindet, sondern hat auch die freundlichsten und liebenswertesten Menschen. So wachten wir in einem wirklich schäbigen "Pasadoble" mit "Banjo privado" auf, was immer noch besser war als eine Nacht im Jeep. Zelten am Stadtrand hatten wir erst gar nicht in Erwägung gezogen. Hier bekamen wir unser erstes "Asado", eine überall übliche, auf den glühenden Kohlen von Hartholzstücken gegrillte Fleisch- und Wurstfolge. Ein ca. 400 g großes Rindersteak ist hier durchaus normal. Der Argentinier ißt durchschnittlich ca. 62,8 kg Fleisch pro Jahr, der Deutsche dagegen bescheidene 12,5 kg. Abends wird zwischen 21 und 24 Uhr gegessen und kommuniziert. Zu erwähnen bleibt, dass nachmittags zwischen 15 und 19 Uhr "Siesta" ist, was bedeutet, dass die Orte leblos sind, weil ihre Bewohner in den Betten liegen und schlafen. Unsere Tour führte uns zuerst parallel zu den Gleisen des "Zuges in die Wolken" steil hinauf auf die 3500-4000 m liegende trockene Hochebene "Punsa", die den Ausläufer des bolivianischen Altiplana bildet. Hier trifft man wieder auf die Koka-Blätter und den Koka-Tee, der in Argentinien illegal ist, aber seit jeher von den Indios gekaut wird. In dem kleinen Ort "Sta Rosa" auf 3000 m Höhe haben wir zum Akklimatisieren die Nacht verbracht, was so aussah, dass unser Zelt zwischen 10 Lehmziegelhäusern auf einem kleinen Platz stand. Wir waren als "Gringos" die Attraktion und so palaverten wir bis weit nach Mitternacht in einem Kauderwelsch aus allen uns zur Verfügung stehenden Worten, die einigermaßen spanisch klangen, aber bei unserem Gegenüber oft zu verwunderten Blicken führten. Ein weiteres, absolut einmaliges Erlebnis war der Besuch bei den "Salineros" in der Salzwüste des "Salinas Grandes". Sie leben vom Bearbeiten der Salzblöcke und schützen ihre Haut vor dem Austrocknen, indem sie sich bis auf zwei Sehschlitze mit buntesten Kleidungsstücken vermummen. 5 Tonnen in Säcke verpacktes Salz bringt gerade mal 60 Pesos, umgerechnet 15 Euro. Mit dem Besuch von geschichtsträchtigen Indio-Orten wie "Tilcara" und "Humahuaca", wo die mutigen Quechuas die Freiheit des heutigen Argentinien in schweren Kämpfen begründeten, ging es wieder durch kakteenüberwuchterte Hänge in tiefere Gefilde Richtung Süden. Die Zeit von Karfreitag bis Ostersonntag in der Quechua-Gegend verbringen zu dürfen, erschien uns nachträglich als ein besonderes Geschenk. Wir reihten uns ein und saßen inmitten tiefgläubiger Indios auf den einfachen Kirchenbänken, um am Gottesdienst teilzunehmen. Dabei erfuhren wir, dass ab 22 Uhr das ganze Dorf die Passion der Kreuzigung Jesu lebt. Wir entschlossen uns, hierzubleiben, um dabei mitzuwirken. Wir begleiteten Jesu mit seinem Kreuz auf der Schulter hinauf zum Ölberg ausserhalb des Ortes. Gegen Mitternacht wurde er nach all den Demütigungen von seinen Peinigern gekreuzigt, was so realistisch war, dass wir durch das Dabeisein als "Volk Jerusalems" fast ein schlechtes Gewissen bekamen. Am Ostersonntagvormittag wurden wir in dem Ort "Cachi" bei der Messe auf deren Plaza von den Indios mit "Felices Pascuas" (Frohe Ostern) per Hand und Umarmung begrüsst. Ein Gefühl der Beschämung kam in uns hoch, während sich unsere Augen auf die freundliche lachenden Gesichter dieser Quechuas richteten. Schnell wich das Ungläubige der Freude über dieses Erlebnis, nicht jedoch auch ohne Nachdenklichkeit in unseren Gedanken an die Ausländersituation in Europa und im besonderen in unserem Heimatland Deutschland. Diese Menschen haben in der Geschichte vieles ertragen müssen. Obwohl sie in blutigen Schlachten die Freiheit des heutigen Argentinien begründeten, scheinen sie auch heute noch dafür in einigen Regionen vergessen worden zu sein. An den Menschen hier fiel uns zuerst das Lächeln auf. Nicht die Art zu lächeln - die bloße Tatsache, dass sie es taten.
Wir überbrückten die ca. 1500 km von der Weingegend um Cafayate bis Mendoza zum Großteil auf der legendären "Routa 40", die sich in Feuerland beginnend entlang der Anden auf einer Strecke von 5500 km bis an die bolivianische Grenze erstreckt. Es war oft so, dass wir in diesen Weiten ganz alleine waren. Wir folgten der Legende der Indianerin "Maria Correa", die mit ihrem Baby auf dem Rücken dem verschleppten Ehemann in die Wüste folgte. Gauchos fanden Maria Tage später verdurstet im Sand liegend, aber ihr an der Brust säugendes Baby wurde gerettet. Heute wird dieser Ort "Diffunta Correa" von 1 Mio. Pilger aus ganz Argentinien besucht, die Maria als Heilige verehren. Von dort ging es in steilen Serpentinen hinauf in die Anden bis zum Ausgangspunkt für die Besteigung des höchsten Berges außerhalb des Himalaya: dem "Aconcagua". Dafür braucht man 3 Wochen Zeit, ein Zelt, das Windstärken von 170 km/h aushält, wärmende und reißfeste Kleidung, 2 Eispickel und Steigeisen. Dazu eine überdurchschnittliche Fitness gepaart mit mentalem Training, um immer im grünen Bereich zu bleiben. Wir hausten mit ein paar Straßenbauarbeitern in dem höchsten Refugio vor der chilenischen Grenze und wünschten uns, von diesen eiskalten Winden in wärmere Gefilde versetzt zu werden. Wir hatten genug von Bergschuhen, Wärmekleidung und Handschuhen.
Nun haben wir es geschafft: Wir sind mitten im Dschungel an der Grenze zu Brasilien und Paraguay in Forte de Iguazu gelandet. Dort, wo die grössten Wasserfälle der Erde mit der doppelten Wassermenge der Niagarafälle ca. 80 m in die Tiefe stürzen. Als wir schweissgebadet in Shorts und T-Shirts dieses spektakuläre Naturschauspiel erleben durften, verwandelten sich unsere Erwartungen in ungläubiges Staunen über die Macht und Kraft der Natur. Wir wollten die Wassermengen nicht nur bestaunen, sondern auch spüren. So fuhren wir mit einem 2x180 PS Schlauchboot bis unmittelbar unter die Gischt. Das 11m-Boot wird zur Badewanne und der Atem schneller und hektischer. Die Bedeutungslosigkeit und Kürze des menschlichen Daseins vor Augen verdeutlichte uns einmal mehr, dass wir uns in unseren heimischen Puppenstuben meist nur über Unwichtiges aufregen und uns vorrangig in gesellschaftlichen Vorgaben bewegen.
Die vergangenen Wochen haben uns an einige Ecken dieser Erde geführt, die wir hätten nicht missen wollen. Auch die Menschen haben einen großen Beitrag geleistet, uns zu helfen, Dinge noch etwas globaler zu sehen.