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Die "Magallan-Straße", die 1520 entdeckt wurde, trennt Feuerland vom Festland und der "Beagle-Kanal", erst 1834 entdeckt, die chilenischen antarktischen Inseln mit dem "Capo de Horno" (1615 entdeckt) wiederum von Feuerland. Seit der Entdeckung dieser beiden Passagen blieb es den Seefahrern erspart, das gefürchtete "Kap Horn" zu umsegeln bzw. oft tage- oder wochenlang auf gute Bedingungen zu warten. Uns präsentierte sich ein von Wolkenfetzen verhangener "Beagle-Kanal" und wir konnten im letzten Tageslicht auf der anderen Seite die von einer dicken Schneeschicht bedeckten Berggipfel der chilenischen Insel "Navarino" erkennen, die ja in einigen Tagen unser Ziel sein sollte.
Am nächsten Morgen weckte uns strahlender Sonnenschein und wir schlenderten durch den Haupttouristenort Feuerlands. Vor der Stadt das eisblaue Meer, dann mehrere Reihen buntgestrichener Häuser und dahinter steigen steil die nur etwa 1500 Meter hohen, aber auch im Sommer schneebedeckten wuchtigen Bergmassive an. "Wo die Anden das Meer treffen" - nennen wir diesen faszinierenden Anblick. Wir malen uns aus, wie es wohl aussieht, wenn wir nach der Durchquerung von "Navarino" von oben auf die letzten 8 sichtbaren Felsinseln des "Archipelagos Capo de Hornos" blicken, ehe die "Drake-Passage" vor dem Antarktikeis die Ausläufer der riesigen Andenkette endgültig verschluckt. Am Hafen riecht es nach Fisch und Teer, an der Mole liegen ein paar Frachtschiffe sowie ein Antarktik-Kreuzfahrtschiff. Verlaufen kann man sich in der Stadt nicht. Das Zentrum umfasst etwa 6 Blocks vom Ufer landeinwärts und ungefähr 13 Blocks senkrecht zum Uferverlauf. Hier gibt es nette Cafes, typische argentinische Grilllokale, in denen du für 15 Euro essen kannst so viel du möchtest bzw. schaffst: feines Lamm, Steaks, Lende, Rippen oder in Milch eingelegte Därme, alles auf Edelhölzern gegrillt.
Wir hatten 2 Tage Zeit, unsere Ausrüstung zu komplettieren. Gas für den Kocher, Dosen, eingeschweißten Käse und Fladenbrot, das nach 1 Woche noch weich ist und gleich schmeckt, was nicht heißt, dass wir es auch gerne mochten. Es fährt wohl ein Boot pro Woche, was dann aber wieder abhängig von Seegang und Wetter ist. Für die Rückfahrt gilt dasselbe. Wenn das kleine Boot für 8-10 Passagiere die ca. 2-stündige Überfahrt nicht macht oder keine Fahrgäste da sind, hängt man in dem Militärstützpunkt fest, bis es die Wetterverhältnisse wieder zulassen. Die vielen Touristen, die die weite Anreise und die Kosten auf sich nehmen, um ein paar Tage in Ushuaia zu verbringen und glauben, dass sie sich hier am "Ende der Welt" befinden, müssen sich eines Besseren belehren lassen: "Worlds End" bezieht sich werbewirksam auf die südlichste Stadt der Welt, nicht aber auf die südlichste Ansiedlung von Menschen. Dies ist nämlich "Puerto Williams" auf der chilenischen Insel "Navarino", dessen Lage auf dem Breitengrad 1500 km weiter östlich das antarktische Eis streift. Seinen Namen verdankt der Ort "Juan Williams", seine Existenz einem Stützpunkt der Marine. Es ist die einzige Siedlung der Provinz "Antarktica Chilena", deren Gouverneur die größte Fläche, aber zugleich die wenigsten Bürger unter sich hat. Wer hier lebt, stammt von der Insel, wurde entsandt oder ist auf Abenteuer und Einsamkeit versessen. In die nächste chilenische Stadt verkehrt einmal die Woche ein Frachtschiff.
Nach einer ruhigen Überfahrt legten wir an der Mole bei den beiden Kriegsschiffen der Marine an. Der chilenische Einreisestempel besiegelte unseren Aufenthalt. Mit unseren großen Rucksäcken machten wir uns auf die Suche nach einer Bleibe. Ein paar geschotterte Straßenzüge, blasse Minihäuschen aus Holz mit Blech verkleidet und oft nur notdürftig ausgebessert, eine Schule, Kirche und die Marinekaserne vor dem Panorama verschneiter Berge - überaus bescheiden präsentierte sich uns der Ort. Doch wir konnten an diesem schönen Tag "Puerto Williams" ein gewisses Flair nicht abstreiten. Der fast wolkenlosen Himmel berührte die spitzen Zacken der "Dientes de Navarino", deren Überschreitung wir am nächsten Morgen angehen wollten, um nach der Durchquerung der Insel von Nord nach Süd 3-4 Tage später über "Kap Horn" zu stehen. Wir wohnten jetzt im roten Holzhäuschen von Patty, kochten zusammen, legten Holz in den Gußofen, der einzigen Heizmöglichkeit, nach. Die Zimmertüren blieben offen, um etwas von der Wärme zu ergattern. Überall zog es durch die Ritzen und wir mussten uns auch drinnen warm anziehen. Wichtig war, dass wir ein "Zuhause" für die nächsten Tage gefunden hatten, in dem wir uns pudelwohl fühlten. Wir besuchten nachmittags noch den kleinen Yachthafen, in dem ein paar Hochseesegler aus aller Welt ankerten, magisch angezogen von der rauhen Schönheit des "Beagle-Kanals" und der Herausforderung, das Kap Horn zu umschiffen. Als wir abends am kleinen Sportplatz beim Fußballspiel zuschauten, war es natürlich auch das südlichste der Welt, wie alles hier. Bei 5 Grad spielten Einheimische, teils in kurzen Hosen mit Fußballschuhen, teils in ihrer Arbeitskleidung mit Halbschuhen gegeneinander. Wir registrierten uns noch beim Polizeiposten für unsere Durchquerung, bei dem wir uns auch sofort nach unserer Rückkehr zurückmelden sollten. Für den Fall aller Fälle wollten sie eine Telefonnummer in Deutschland. Hier zählen nur die Erfordernisse, denn man hat nicht viele Auswahlmöglichkeiten. Einer hilft dem anderen, bringt etwas oder hilft bei alltäglichen Dingen. Um 23.30 Uhr trug Patty`s Nachbar Holz in ihren Wohnraum, weil er es bei sich auch gerade tat - ganz normal!
Ein letzter Blick auf die Wetterprognosen für die nächste Woche sollte die Entscheidung bringen, ob es am Sonntagmorgen losgeht oder nicht: keine Niederschläge, am Montag bis 7 Windstärken, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag sonnig. Viel besser konnte sie nicht ausfallen. Wir wollten uns natürlich Extremsituationen im negativen Sinne ersparen. 2-3 Tage Rückweg zum Ort sind bei Eventualitäten das Minimum. Es begann mit dem Aufstieg von 800 Höhenmetern auf den Rücken des "Cerro Bandero", auf dem symbolisch die chilenische Flagge im starken, kalten Wind weithin sichtbar flatterte. Auf dessen Höhe liefen wir im freien Gelände 5 Stunden in Richtung des markanten, vielzackigen "Dientes-Massives". Wir testeten das GPS, um bei guter Sicht damit zu üben, die nächsten Wegpunkte zu finden. Nach 8 Stunden erreichten wir dessen Fußpunkt und campierten an der "Laguna los Saltos". Am nächsten Morgen packten wir bei strömendem Regen unsere Sachen zusammen und stiegen in Richtung der 3 Pasos auf. Beim Erreichen des Scheitelpunktes liefen wir schon über 2 Stunden im Schneesturm, der dort oben an Heftigkeit und Stärke stetig zunahm. Die kleinen Eispartikel peitschten so ins Gesicht, dass wir die Sturmmasken brauchten und uns vermummten. Die Hand war kaum vor den Augen zu sehen, als wir die steilen Schneefelder querten. Jetzt war das GPS unser einziger Anhalt und das Handling funktionierte heute schon besser als gestern. Jetzt mussten wir an Luis denken. Er hatte Recht behalten, denn an der hüfthohen Schneehöhe hatte sich nichts geändert. Seine Bedenken waren nicht mögliche Schneerutsche, sondern ein mögliches Einsinken bis zum Bauch oder bei harter Oberfläche die Abrutschgefahr. Wir hatten Glück, denn die Schneebeschaffenheit war ideal und wir konnten etwa 10 cm tiefe, sichere Tritte setzen. Als wir auf der Südseite der "Dientes" abstiegen, wussten wir, dass wir damit auch die letzten Menschen, die warmen Häuser und das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit zurückgelassen haben. Später gestanden wir uns ein, dass es schon etwas in der Magengegend gekribbelt hat. Die Nacht verbrachten wir an der zugefrorenen "Laguna Escondida", nachdem wir bei diesen extremen Windstärken richtige Probleme hatten, unser Zelt aufzubauen. Wir legten große Steine auf die Heringe, damit ja alles hält. Wir kochten im Zelt und hatten in unserer Minibehausung ein kaum nachvollziehbares Gefühl der Geborgenheit. Beim Beobachten der Zeltnähte malten wir uns aus, was eigentlich wäre, wenn es irgendwo reißen würde und das Überzelt weg wäre. In diesem Moment wurde uns klar, dass wir doch etwas vergessen hatten: einen Biwaksack für alle Fälle!? Doch unser Zelt hielt tapfer stand und als wir uns Frühmorgens bei strahlendem Sonnenschein aus den Schlafsäcken schälten, juchzten wir lauthals los.
Traumwetter, 30 cm Neuschnee und einmalige Blicke in alle Richtungen. Die Schuhe waren trotz Gamaschen und Überhosen durch die vielen Schneefelder klatschnass und über Nacht gefroren. Aus einer Rettungsfolie bastelten wir Übersocken, um unsere Füße trocken und warm zu halten. Wir waren allerdings noch keine 15 Minuten unterwegs, als wir dieselben Wetterverhältnisse wie am Vortag hatten. Herrschaftzeiten nochmal!! Unter diesen Voraussetzungen brauchten wir für die geplanten Teilstrecken deutlich länger und so erreichten wir auch an diesem Tag erst abends die "Laguna De Castores". Ihr werdet es nicht glauben, aber zwischen diesen Lagunen gibt es nirgendwo eine Möglichkeit, ein Zelt aufzustellen. Diese unberührte Natur mit dem riesigen Felsbrocken, flächigen Geröllfeldern, Bächen, umgestürzten Bäumen, den bis zu 40 cm dicken, nassen Moosschichten bestimmt hier, was möglich ist und was nicht. Dem Mensch bleibt nur die Rolle des Gastes. Hier, südlich der Dientes, hat noch nie ein Mensch versucht, sich sesshaft zu machen. Man könnte nicht einmal Kartoffel, geschweige Gemüse oder andere Dinge anbauen. In den Lagunen soll es jedoch riesige Seeforellen geben. Jetzt waren wir schon deutlich tiefer, was wir auch an den angenehmeren Temperaturen merkten.
Überall sind die Biber mit dem Bauen von Dämmen beschäftigt, wodurch große Biber-Pools entstehen, die uns das Weiterkommen oft stark erschwerten. Der Biber vermehrt sich deshalb so stark, da er hier keine natürlichen Feinde hat. Endlich ist mit 2 Tagen Verspätung der Sonnentag eingetroffen und wir hatten noch den Anstieg von 400 Höhenmetern zum "Monte Bettinelli", ehe wir an diesem Tag den ersten Blick auf das Südende von "Navarino" und dem Kap Horn werfen konnten. Ein ruhiges, strahlend blaues Meer erweckte den Anschein, als ob man hätte schwimmend das Kap umrunden können. Über Schneefelder und durch steile Wälder ging es 4-5 Stunden hinab ins "Valle de los Guanacos". Nirgendwo hatten wir zuvor eine schönere, wildere und unberührtere Landschaft gesehen. 1 Stunde später haben wir uns entschieden, nicht mehr auf unserer Route zurückzugehen, sondern entlang des "Rio Windhond" über den "Paso Allingi" zum Beagle-Kanal und dann östlich nach Puerto Williams. Gut, dass niemand unser Schimpfen und Fluchen hörte, als wir den Rückweg auf dieser Route nicht mehr für möglich hielten, weil sich die dicksten Baumstämme kreuz und quer meterhoch auftürmten und der Rio und die Biber-Pools für uns als nicht überwindbar erschienen. Nach 2 Stunden waren wir erst unwesentlich vorangekommen und unsere Psyche stieß an ihre Grenzen. Im gleichen Moment erscheinen uns auch die 25 kg und 16 kg schweren Rucksäcke noch schwerer. Wir zogen uns aus und gingen barfuß durch den Rio, die Schuhe um den Hals.
Unglaublich schöne Landschaften wurden von den Objektiven der Kameras gierig aufgesogen. Nach 8,5 Stunden Gehzeit campierten wir am Flussbett und konnten das erste Mal im Freien kochen. Um es kurz zu machen: Am nächsten Tag setzten wir zu einem Gewaltmarsch von 11 Stunden an mit dem Ziel, Puerto Williams zu erreichen. Wir wollten zwar noch weitere 1-2 Tage draußen in der Natur bleiben, hatten aber in den widrigen Tagen doch stark Federn gelassen. Da von Westen her über die „Dientes“ Starkwinde mit Schnee-verfrachtungen zu sehen waren, wollten wir uns das in der nächsten Nacht ersparen. Gegen 21 Uhr erreichten wir den Ort und Patty schloss uns in ihre Arme und rief sofort beim Polizeiposten an, dass wir wieder eingetroffen sind. Wir zeigten ihr unsere Traumbilder, denn sie hatte noch nie Landschaften vom Süden der Insel gesehen. Als sie hörte, dass wir 11 Stunden unterwegs waren und seit dem Frühstück nichts mehr gegessen hatten, kochte sie uns ein einfaches typisches Gericht, über dass wir voller Heißhunger herfielen. Dazu tranken wir zwei 1-Liter-Flaschen Bier. Als wir in unseren Betten lagen, fiel die Anspannung und Belastung des gewaltigen Tagespensums immer noch nicht von uns ab und wir unterhielten uns über alle möglichen Situationen und Erlebnisse der letzten Tage.
Eine Woche nach unserem Trek erschien es uns mit dem Wissen um alles Erlebte, als ob alles nur ein Traum war. Auch gewisse Gefahren und mögliche Eventualitäten schälten sich für uns klarer heraus. Gut, dass man, wie so oft im Leben, gewisse Dinge nicht vorher weiß, sonst würde man einiges vermeiden und somit auch versäumen. Als wir den Regen auf den Wellblechdächern niederprasseln hörten, wussten wir, dass wir die richtige Entscheidung getroffen hatten. Schön, unter vier Wolldecken im warmen Bett zu liegen und vor allem alle Sachen im Trockenen zu haben. Zurückblickend hat uns dieser Trek aufgrund ihrer Einmaligkeiten bezüglich Wetter und Anforderungen an unsere körperlichen und psychischen Grenzen geführt. Dafür hat sie uns aber einmalige Ein- und Ausblicke erlaubt, die wir nur erleben und genießen konnten, wenn wir auch das Andere in Kauf nahmen.
Wr hatten Glück: Der Wetterbericht war gut und der Beagle-Kanal relativ ruhig, sodass eine Rückfahrt nach Ushuaia möglich war und wir keine Woche auf die nächste warten mussten. Alles hatte gepasst - ein unvergessliches Erlebnis!
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