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Wir erreichten den höchstgelegensten Flughafen der Welt (4050m) um 02.30 Uhr nachts. Eine äußerst unangenehme Zeit. Nicht nur, weil um diese Zeit alles zu hat und nur ein paar düstere Gestalten herumlungern, von denen wir unseren Taxifahrer aussuchen mussten. Schnell tiefer - nur keine Zeit verlieren - war jetzt das Wichtigste. Die Stadt birgt 1000 Höhenmeter in sich. Unser Ziel war das "Hostal Fuentes" inmitten des indigenen Viertels auf 3600 Meter. Dass sich unsere Bleibe in der Zaubergasse befand, bemerkten wir erst am nächsten Tag. Hier bieten Zauberinnen und Kräuterhexen geheimnisvolle Pülverchen und Mittelchen gegen Krankheiten und böse Geister an. Die alten Frauen mit ihren von Wind und Wetter zerfurchten Gesichtern hocken bis weit in die Nacht inmitten ihrer Schätze und beraten Kunden über die Wirkung ihrer Elexiere, Steine und Kräuter, u.a. gegen den bösen Blick. Die Lama-Embryos werden beim Hausbau in die 4 Ecken eingemauert, bringen somit Glück und halten das Leid ab. Die nächsten 3 Tage verbrachten wir zur Akklimatisierung in den verschiedensten Ecken von La Paz. Wir bewegten uns bewusst langsam und sowohl der Weg in unser Zimmer im 3. Stock als auch der Besuch der indigenen Märkte an den Hängen des riesigen Talkessels der Stadt bringt uns schon nach wenigen Minuten völlig außer Atem. Unsere guten Blutwerte und Blutverdünner gaben uns ein gutes Gefühl für die kommenden Tage. Es war absolut reizvoll, durch den Ramsch-, Schwarz- und Diebesmarkt zu schlendern. Wichtig nur: ohne Wertsachen, denn so mancher Touri wurde inmitten des Geschiebes und Geschubses, der plärrenden Kinder und streunenden Hunde seiner Utensilien entledigt. Alles spielt sich auf der Straße ab. Dazwischen quälen sich vollgestopfte Busse hupend und in Abgaswolken gehüllt durch das Labyrinth der Gassen den Berghang hinauf. Die Mischung der Gerüche aus Essbarem, Wohlriechendem und dem Gestank von Abgasen und Abfällen ist kaum auszuhalten. Das Leben hier ist für uns natürlich sehr billig. Für 2-3 Euro kannst du ein kpl. Menü essen, doch Achtung: Gekochtes, Geschältes - iß es, sonst vergiss es! Wir hielten und strikt daran, trotz so mancher Verlockung.
Interessant war auf jeden Fall der Besuch des Coca-Museums. Habt ihr euch eigentlich schon mal Gedanken über den Namen "Coca-Cola" gemacht? Sicher ebenso wenig wie wir. Tatsächlich kommt der erste Teil des Namens vom Coca-Blatt, dessen Cocainstoff bis 1914 im Coca-Cola beinhaltet war. Doch haltet euch fest: heutzutage ist der Konzern immer noch ein Großabnehmer der boli-vianischen Coca-Bauern. Das fehlende Cocain wurde durch verstärktes Koffein ersetzt, aber die Aromastoffe des Coca-Blattes sind nach wie vor beinhaltet. Der Anbau ist in Bolivien legal. Die Industrie zur Herstellung der Coca-Paste sicher nicht. Alleine in der USA werden 50 % des am Weltmarkt vorhandenen Cocains konsumiert. Auch wir haben sowohl in La Paz als auch im Armenviertel El Alto hoch über der Stadt viele hochgradig zugedröhnte Drogenabhängige gesehen. Am letzten Samstag gab es ausgerechnet bei der großen stadtweiten Fiesta, bei der ausgelassen gefeiert, getrunken und konsumiert wurde, 16 Tote. Nicht durch Randale, sondern durch Messerattacken bei Umarmungen, vermutlich durch absoluten Realitätsverlust. Himmel noch mal, viermal waren wir dort auch unterwegs. An diesem Punkt müssen wir eine Lanze für die Stadt brechen. Im Südteil auf 3100 Meter leben die Gutsituierten und Reichen in schönen Häusern und Villen. Wunderschöne Restaurants, Boutiquen und Cafes, wo du einen italienischen Cappuccino im Freien trinken kannst. Dass halbhohe, schusssichere Glasflächen die Terrasse einfassen und ein Security mit Knarre am Eingang steht, stört außer uns offensichtlich niemanden. Indios gibt es hier nur im feinen Zwirn und das Gehupe auf den Straßen ist mit Verkehrsschildern verboten.
Wir mussten die Akklimatisierung nun schön langsam etwas steigern. Deshalb machten wir einen Ausflug zum UNESCO-Weltkulturerbe "Tiwanacu", der sagenumworbenen Tempelstadt, hinauf auf den kalten Altiplano. Ein zapfig kalter Tag wollte es, dass wir unsere neuerstandenen Alpaca-Mützen, Handschuhe und Schals brauchten. Am nächsten Tag sollte es nun endlich hinaufgehen nach El Alto, in das einzige dort befindliche Waisenhaus - unser Waisenhaus "Virgin dela Esperanza". Padre Obermaier hat uns für beide Tage die 25-jährige Magdalena aus Altötting als Dolmetscherin zur Verfügung gestellt. Sie verbringt 9 Wochen sozialen Dienst in der Stiftung des 75-jährigen kath. Missionars. Schaut euch doch bitte einmal unter www.pater-obermaier.de an, welch unglaublichen Menschen wir in El Alto getroffen haben. Uns fuhr der Padre trotz eines übervollen Terminkalenders höchstpersönlich in die wohl entlegenste Ecke von El Alto in unser Waisenhaus. Am nächsten Tag erst merkten wir, welche Vorzüge es für uns hatte, denn kein Taxifahrer kannte auch nur annähernd die Adresse unseres Heimes. Es war ein sehr emotionaler Empfang, den uns die beiden katholischen Ordensschwestern Nilza und Josefina bereiteten als wir mit unseren beiden Kartons vor dem Eisentor standen. Zuerst wurden alle möglichen Infos ausgetauscht, ehe es ins Zimmer der 10 Babies ging, wo wir die einzelnen Schicksale der Kinder erfuhren. Besonders berührt hat uns, dass Ricardo mit 1,4 kg von einer Frau in einem Müllsack auf einer Deponie gefunden worden war. Erst nach 6 Tagen brachte sie ihn zur Polizei und er ist heute, Gott sei Dank, wohlauf. Das Heim bekommt keinerlei staatliche Zuwendungen. Es ist eine mühselige, ungewisse Sache und sie freuen sich über jede finanzielle Hilfe, mit der man hier natürlich durch die Billigpreise ein Vielfaches bewirken kann. Neben den ca. 150 Paar Schuhen sowie Kleidung konnten wir diesmal 2500,-- USD übergeben, die ausschließlich für ausgewogene Ernährung und Medikamente verwendet bzw. zurückgelegt werden. Ein ausnahmslos hübsches 5-jähriges Mädchen mit schwarzen halblangen Haaren ließ Norbert nicht mehr aus ihren riesengroßen, dunkelbraunen Augen. Ihre neue pink-farbene Mütze nahm sie an diesem Tag sicher mit ins Bett. Als sie ihren Mund nahe an mein Ohr drückte und leise "Papa" flüsterte, wusste ich, welche Hoffnung sie damit verband. Der letzte Blick zurück in die dunklen Knopfaugen der Kinder tat weh, zumal sie uns vom oberen Stockwerk hinter Gitter stehend zuwinkten. Mit dem stillen Versprechen, dass wir uns weiter für sie engagieren werden, ließen wir das alte Tor hinter uns ins Schloss fallen. Alleine die letzten Tage waren die aufreibende Bolivienreise wert. Doch nun ging es auf die letzte Woche im Andenhochland zu.
Die Besteigung unseres Traumberges stand in 3 Tagen bevor. Eine Akklima-tisationstour auf den 5300 Meter hohen "Chalcataya" stand noch auf dem Programm. Da man bis auf 4900 Meter fahren kann, bewältigt man ohne große Anstrengung den restlichen Aufstieg bis zum Gipfel. Eine gute Gelegenheit für Otto-Normalverbraucher, einmal im Leben auf einem Gipfel dieser Höhe zu stehen. Alles verlief planmäßig. Die Körper waren akklimatisiert und voller Energie. Nach einem Ruhetag ging es am Montag in aller Früh los. 2 belgische und eine Schwangauer Seilschaft ergänzten in einem Depot ihre fehlenden Ausrüstungsteile wie Schalenschuhe, Steigeisen, Eispickel und Seil. Der Allrad wurde gemeinsam beladen und wir fuhren 1 1/2 Std. über El Alto auf der ungeteerten Piste ins unbewohnte Zongotal und weiter zum Ausgangspunkt des 6200 m hohen „Huayana Potosi“. Wir trauten unseren Augen nicht, als wir auf 4900 Meter zwei Aymara-Frauen in Seidenstrumpfhosen und Ballerinas in einem primitiven Wetterschutz aus Natursteinen, abgedeckt mit einer Plastikplane sitzen sahen. Sie registrierten die Bergsteiger und kassierten dafür umgerechnet Euro 1.50 pro Person. Völlig durchnässt erreichten wir bei stetig zunehmender Steilheit des Berges die winzig kleine Biwakschachtel noch vor Einbruch der Dunkelheit. Wir hatten uns dazu entschlossen, hier bis kurz nach Mitternacht zu Kräften zu kommen und dann gegen 2.00 Uhr nach weiteren 5 Std. auf dem "Peak" zu stehen.
Nach der Rückkehr vom Berg radelte Christine die "Deathroad", die gefährlichste Straße der Welt hinunter. 3000 Höhenmeter hinab in die "Yungas", dem fruchtbaren Tiefland der Coca-Bauern. Ich reiste mit dem Bus nach "Coroico". Leider hatten die 5 Biker kein Wetterglück, denn es regnete, was der Himmel hergab. Insgesamt 65 km vorbei an steilsten Abgründen mit bis zu 8 Kreuzen an manchen Stellen, direkt unter Wasserfällen hindurch, immer darauf achtend, nicht zu stürzen. Am Startpunkt auf 4700 Meter herrschten 5 Grad. Sie durchquerten drei Klimazonen und zum Schluss ging es bei 25 Grad an Bananenpalmen und Zitronenbäumen vorbei. Alle waren sich einig: Bei gutem Wetter kann es jeder und sie waren alle noch nie so dreckig wie nach der "Deathroad". Spätabends traf ich ebenfalls in dem gottverlassenen Aymara-Städtchen "Coroico" und in unserer Bleibe inmitten des Dschungels ein. Um Bolivien zu verlassen, mussten wir allerdings nochmals zum höchstgelegensten Flughafen der Erde. Was hätten wir dafür gegeben, es nicht tun zu müssen. Als der Minibus von der neuen Straße auf die "Deathroad" abbog, blieb mir fast das Herz stehen. Diese Lumpen wollten sich die Maut sparen und begaben sich mit uns auf diesen Höllenritt. Ich saß rechts am Fenster und bekam einen Schweißausbruch nach dem anderen, wenn sich der Reifen dem senkrechten Abgrund näherte.
Als wir von El Alto abhoben, winkte der "Huayana Potosi" im strahlensten Sonnenschein mit seinen glitzernden Gletschern zum Abschied herüber. Ein herrlicher Berg! Hasta Luego!! Bolivien, du wunderschönes Land inmitten der Anden mit deinen Gletschern, den Salaren, dem Titicaca-See und dem dschungeldurchzogenen Tiefland - aber auch dem Land voller Armut und Perspektivenlosigkeit für 85 % deiner Bewohner.
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