Das Inka-Reich oder ...der Nabel der Welt

Wir kamen mit dem Bus von La Paz zum Titicaca-See, dem auf 3.800 m höchstgelegenen schiffbaren See dieser Erde. Wir haben uns die klassischen Touristeninseln (Sonnen- und Mondinsel) erspart. Ein 3-stündiger Aufenthalt wegen einem Buswechsel in "Puno" wurde zum Erlebnis. Gerade jetzt und hier fand ein Umzug mit Trachten- und Tanzgruppen aus ganz Peru statt. Ihr könnt euch vorstellen, was dort für eine Farbenpracht herrschte: von bunten indianischen Federmasken bis hin zu Anzügen, dicht mit Glöckchen bestückt war hier alles zu sehen. Dazu die verschiedenen Rythmen der begleitenden Musikkapellen. Wir waren genauso begeistert wie die Touristen zuhause in Bayern bei unseren Trachtenumzügen. Es entstanden schöne Filmaufnahmen und die 3 Stunden vergingen wie im Fluge. Doch unser Ziel war die "Insel Taquile", die Insel der strickenden Männer. Wir suchten uns ein Boot, um die Insel nach 4 Std. Fahrtzeit zu erreichen. Zuvor besuchten wir jedoch die "schwimmenden Inseln der Uros". Heute eher eine Touristenattraktion, früher jedoch das einzige Volk, das die Inkas nie unterjochen konnten, da sie schon immer mit ihren Schilfbooten auf dem See mobil waren. Es war aber trotzdem ein sehr schöner Anblick, als die freundlichen buntgekleideten Uros uns begrüßten. Wir nannten sie die "eßbaren Inseln", da das Zuckerrohr auch gut gegen den Durst half.

 

Als wir die Insel Taquile erreichten, mußten wir noch ca. 200 Höhenmeter hinauf ins Dorf bewältigen. Dies fällt mit den großen Rucksäcken bei 3.800 m gar nicht so leicht. Bis in die 60-er Jahre arbeiteten die Bewohner als Leibeigene. Erst Anfang der 80-er kamen die ersten Touristen und noch heute ist es wie in der Inkazeit: der Ältestenrat übt die Macht über die Insel aus ... und verhindert die Bauten fremder Investoren. Sie sind in ganz Peru bekannt für ihre Strickwaren, ihre eigene Tracht und ihre eigenen Gesetze. Das Schiff fuhr ohne uns wieder ab. Wir suchten einen Platz für die Nacht und fanden ihn bei einer Familie, die mit einer blauen Plastikplane aus ihrem Zimmer zwei machte. Wir schlossen ein stillschweigendes Abkommen: wir hatten Nudeln und Reis in unseren Rucksäcken und gaben es den Einheimischen, wenn wir filmten. Ein Lächeln zeigte uns, dass dies so in Ordnung ist. Es gibt keine Autos oder Motoren. Alles wird in Handarbeit erledigt. Die Einheimischen erklärten uns, dass man die Ledigen an den weißen Mützenenden und die Verheirateten an den bunten erkennt. Wir setzten uns einfach an den kleinen Plaza und beobachteten die Menschen: die Mädchen und Frauen hatten ihre Holzspulen bei sich, um zu spinnen und die Männer bis hin zu den 10-jährigen Buben strickten mit einer Fingerfertigkeit, die uns in Staunen versetzte. Sie spazierten durch die Gassen oder saßen einfach auf einer Mauer und unterhielten sich noch dabei. Es waren schöne Momente, gerade deshalb, weil sonst keine Touristen auf der Insel waren. Die Kinder umringten uns, als sie merkten, dass wir Tütchen mit Gummibärchen haben. Sie griffen alle gleichzeitig zu und stürzten sich auch noch auf die, die in den Sand fielen.

 

Wir verließen den Titicacasee in Richtung Cusco, der wohl interessantesten Stadt Südamerikas. Nach dem Gepäckdepot in Zentrumsnähe setzten wir uns auf einen der kleinen Balkone am großen Plaza, dem "Platz der Freude" oder wie ihn die Inkas nannten: den "Nabel der Welt". Er wird umgeben von Palästen, Tempeln und Heiligtümern. Der Inka-Gruß lautet: "ama sua - ama llulla - ama kella; Sei kein Dieb - Sei kein Lügner - Sei kein Faulpelz." Faulpelze waren die alten Inkas bestimmt nicht, wenn man sich die berühmten Inka-Mauern mal ganz genau ansieht. Sie haben eine atemberaubende Paßgenauigkeit, sind ohne Mörtel gebaut und konnten bei allen Erdbeben mitschwingen. Sie stehen heute noch, während die spanischen Aufbauten stets eingestürzt sind. Der Paradestein ist der tonnenschwere 12-eckige Stein, der die 12 Inka-Könige und die 12 Monate des Jahres symbolisiert. Der Mercado-Central lädt ein zum Beobachten des Markttreibens und des unglaublich vielfältigen Angebotes. Doch Achtung!! - keine Wertsachen mitnehmen, denn es ist auch der Tummelplatz der Taschendiebe.

 

Unser nächstes Ziel ist das kleine Dörfchen "Mollepata", der Ausgangspunkt zum Salkantay-Trail, der uns Richtung Macchu-Picchu bringen soll. Auf der Suche nach einem Packpferd begegnen wir Wilbert, einem 15-jährigen Jungen, der sich anbietet, uns zu begleiten. Wir rechnen mit 5 Tagen, um über den alten Pfad zum Paso des Salkantay-Gletschers (4.700 m) Richtung Bahnstrecke nach "Aquas Calientes" zu gelangen. Wilbert sollte unser Glücksfall werden. Er holte schnell sein Pferd und verabschiedete sich von seiner Familie mit den Worten: ich komme in 6 Tagen wieder! Es war eine Gelegenheit, 25 Euro zu verdienen. Wir hatten kein gutes Gefühl, als wir seinen kleinen Rucksack, den Kapuzenkittel und das wenige Essen sahen. Von einem Zelt oder Schlafsack ganz zu schweigen. Der 1. Tag brachte uns nach 6 Stunden Gehzeit bei fast 40 Grad hinauf auf 3.800 m. Der 2. Tag zum Paso auf 4.700 m. Es wurde sehr steil, die Luft dünner und bei Norbert - warum eigentlich immer bei mir - schlug eine Bakterieninfektion durch. Auf der anderen Seite des Paso begann er zu schwanken und zeigte ein apathisches Verhalten. Erbrechen und blutiger Durchfall waren die Folge. Dann die Erschöpfung und die Müdigkeit. Kein guter Platz zum Krankwerden! Wilbert ging mit dem Pferd weit voraus, um einen Lagerplatz zu suchen und alles bis zu unserer Ankunft vorzubereiten. Doch wir konnten nicht folgen. Es wurde Nacht und die Rufe nach Wilbert verhallten im Dunkel der Nacht. Wir hatten nichts außer einer Stirnlampe. Christine ließ mich zurück, denn sie hatte in der Ferne einen Feuerschein gesehen. Menschen - das bedeutet Hilfe. Ich schlief auf dem Boden liegend ein und schreckte erst auf, als mich der Schein der Stirnlampe blendete. Ich blicke in Christines verweinte Augen und sah erst dann die Gesichter von drei Indios, die sich über mich beugten. Sie nahmen mich mit zu ihrer Holzhütte und betteten mich in Alpaca-Felle, die auf dem Lehmboden lagen. Ich fühlte mich geborgen. Christine wurde mit Kartoffeln und Gemüse versorgt, das sie auf dem offenen Feuer kochten. Die Nacht war schrecklich und der Zustand verschlechterte sich zunehmends. Gegen Mitternacht stand Wilbert mit unserer zweiten Stirnlampe in der Hütte. Er hatte uns gesucht und legte sich für den Rest der Nacht neben mich wie mein eigener Sohn. Die Indio-Mama holte bei Sonnenaufgang ihr Pferd, das sie uns bis zum nächsten Ort überließ. Für mich war Reiten angesagt, da ich zu einem 12-Stunden-Marsch bis zu den nächsten Menschen nicht in der Lage war. Es wurde ein Höllenritt, aber wir erreichten in den Abendstunden das Dorf, von dem jeden Abend ein LKW abfuhr und das einzige Transportmittel darstellte. Nun trennten sich unsere Wege. Wilbert ritt in einem Zuge zurück über den Paso. Er hatte nichts Eßbares mehr für seinen Rückweg. Wir versprachen, in "Cusco" einen guten Faserpelz für ihn zu hinterlegen und wissen, dass er ihn einige Zeit später auch dort abgeholt hat. Doch zu Christine: seit diesem Erlebnis sehe ich sie mit anderen Augen. Wie stark war sie doch gewesen in dieser Notlage! Es gab nur den Weg nach vorne. Ich liebe sie!! Jetzt hieß es nur noch, die 1-stündige Holperfahrt auf der überfüllten Ladefläche des LKW zu überstehen, denn im nächsten Dorf sollte es einen Arzt geben. ENDLICH! Die Enttäuschung war groß - es gab zwar einen Arzt, aber der hatte nur ein Zimmer mit 2 Betten und es gab kein fließendes Wasser. Ich blieb die Nacht und den nächsten Tag und hoffte, dass die Infusionen und das Antibiotika mir wieder soweit auf die Beine helfen, um "Aquas Calientes" am Fuße von Macchu-Picchu zu erreichen. Um es vorwegzunehmen: Es reichte gerade bis zur Krankenstation von "Aquas", in der ich die nächste Nacht, an Infusionen gehängt, verbrachte.

 

Nach einem Ruhetag ging es dann zur legendären Inka-Stadt Macchu-Picchu, hoch in den Bergen, mangels Fitness aber mit dem Bus. Woowh,...welch ein Blick. Wir kannten es nur von Fernsehbildern und sie zog uns sofort in ihren Bann. Die Stadt wurde erst 1920 entdeckt und 1981 freigelegt, denn sie war völlig überwuchert. Schon 1983 wurde sie Unesco-Weltkulturerbe. Wir staunten nicht schlecht, als wir hörten, dass die Inkas einen großen Stein "Intiwatana" nannten - der Ort, an dem die Sonne angebunden wird. Hier haben sie Sonnenlauf, Tageszeit, Sternbilder und die Planetenbahnen berechnet. Die 5 Brunnen fließen immer noch wie schon in der Inkazeit. Auf dieser Tour zogen wir von Weltkulturerbe zu Weltkulturerbe, alle aus der ältesten Kultur dieser Erde. Nur die chinesische kann da noch mithalten. Wir haben uns wieder etwas rekultiviert, da wir schon etwas verwegen ausgesehen haben. Wir konnten wieder eine Menge schöner Eindrücke festhalten.

 

Wir verlassen die Inka-Kultur und reisen mit dem Nachtbus in ca. 17 Stunden nach Nasca in den Süden Perus an die Pazifikküste. Die Nasca-Kultur, diese unerklärlichen Scharrlinien in der Wüste, die erst erkannt worden sind, als der Mensch fliegen konnte. 30 cm breit, ca. 10 cm tief in den Fels gehauene überdimensionale Linien, die nur von oben zu sehen waren mit Bögen, die den neuesten mathematischen Berechnungen standhalten. Unesco-Weltkulturerbe. Wir charterten eine kleine Cessna und sind 35 min in Schleifen über die Linien geflogen und sahen den Astronaut, den Colibri, die Spinne, den Wal, den Affen und die Trapeze.

 

Weiter ging es ohne großes Programm die gesamte Pazifikküste hinauf in den Norden Perus nach Trujillo. Teilweise sind wir gegen 04.30 Uhr auf irgendwelchen Bus-Terminals eingetroffen. Da muß man höllisch aufpassen, da sie auf solche wie uns nur warten, allerdings nicht, um uns weiterzuhelfen. Wir zogen es vor, auf jegliche angebotene Hilfe zu verzichten und gingen zu Fuß durch die Orte, um oft mitten in der Nacht noch einen Schlafplatz zu ergattern. Trujillo gilt im Reise-Know-How als die sicherste Stadt Perus. Wir blieben hier ein paar Tage, um die phänomenalen Stadtbauten"Chan-Chan" zu besichtigen. Hier lebten zur damaligen Zeit bereits 120.000 Menschen noch reicher und prunkvoller als die Inkas in "Cusco". Vor einigen Jahren fand man dort in der Wüste den vermutlich größten Kunstschatz Lateinamerikas: Tempelanlagen mit feudalen Grabstätten, die leider großteils geplündert worden sind. Man kann sich kaum vorstellen, dass man als Tourist nicht von einer zur anderen Pyramide laufen kann, ohne überfallen zu werden. Der letzte Abend in der Stadt bestätigte dies: Wir wurden in einer dunklen Straße von zwei Männern in Anzug und Krawatte überfallen. Es kam zu einem Straßenkampf und wir haben nicht schlecht ausgesehen. Meine blauen Knöchel machten mich noch Tage später stolz, denn wir hatten gewonnen. Die beiden sind davongerannt und wir hatten keinen Verlust.

 

Schade, dass solche Banditen den Eindruck und die Erinnerung an dieses  wunderschöne Land und das Erlebte sowie die Begegnung mit den freundlichen Menschen doch etwas trübt. Doch wenn wir an die Hilfsbereitschaft der Indios am Salkantay zurückdenken, überlagert dies alles. Muchas Gracias.