Von den Walen ... nach Süden

Nach der kulinarisch eher tristen Zeit in Bolivien waren wir uns einig, dass an diesem Abend hier in Patagonien das erste argentinische Steak fällig ist. Unser Herz lachte, als wir das 400 g große "Bife de Chorizo" auf dem Teller liegen sahen. Dazu eine  1-l Bierflasche und der Abend war gerettet. Vergessen auch der Ärger mit dem verpassten Flug und der unbequemen Nacht in der Flughafenhalle. So stand unserem Weiterflug nach "Trelew" nichts mehr im Wege.

 

Wir erreichten das argentinische Städtchen "Puerto Madryn" an der riesigen Atlantikbucht vor der Halbinsel "Valdes" bereits in den Vormittagsstunden. 10 Tage hatten wir in dieser Gegend eingeplant, um sicherzugehen, dass wir Wale, Orkas, Seeelefanten und die verschiedenen Landtiere auch zu Gesicht bekommen werden. Das eher miese Hostal war nur zum Schlafen geeignet und so trieben wir uns zu Fuß im Ort und an der Küste herum, von wo aus wir bereits die ersten Wale entdecken konnten. Weiter draußen sprangen die bis zu 16 Meter langen, bis zu 40 Tonnen schweren "Ballena Franca" aus dem Wasser oder zeigten ihre imposante, bis zu 4 Meter breite, Schwanzflosse. Vom 5.-8. Tag mieteten wir einen kleinen Chevrolet und starteten hinaus auf die weltbekannte Halbinsel "Peninsula Valdes", die sich 130 km in den Atlantik erstreckt.

 

Ziel war der einzige Ort, besser gesagt, das einzige kleine Kaff "Puerto Piramides", von wo aus alle Bootstouren zum Whale-Watching starten. Da die letzten beiden Tage Dauerregen und eiskalte starke Winde die Menschen in den Häusern hielten, hofften wir auf schnelle Wetteränderung, da sonst kein Boot auslaufen kann. Doch wie wir es schon öfter in Patagonien erlebt haben, änderte sich auch diesmal das Wetter innerhalb von Stunden und die Sonne brannte mit 24 Grad auf ein spiegelglattes tiefblaues Meer. Um 11.00 Uhr liefen wir aus und hatten optimale Bedingungen, vorausgesetzt die Wale spielen mit und zeigen sich den schussbereiten Objektiven und Filmkameras. Als wir nach 2 Stunden wieder an Land waren und vor einem knallrot gestrichenen Holzhäuschen unseren Kaffee schlürften, konnten wir schon sehr zufrieden sein. Natürlich sieht man auf den Werbepostern, wie die Giganten der Weltmeere meterhoch aus dem Wasser schießen, was natürlich die Ausnahme darstellt und nicht auf jeder Bootstour zu sehen ist. Aber die Riesen an der Wasseroberfläche schwimmen und mit den Schwanzflossen winken zu sehen, war schon ein überwältigender Anblick.

 

Wir hatten ja noch 2 Tage Zeit um ans "Capo Norte", dem nördlichsten Punkt der Halbinsel zu fahren, um dort vielleicht Seeelefanten oder Orkas zu sehen. Wir hatten noch nie Seeelefanten gesehen. Als wir diese 5 Meter langen, 4000 kg schweren Burschen aus nächster Nähe bewundern durften, waren wir uns einig, dass wir eigentlich nichts über sie wussten. Dass sie von allen Lebewesen mit 1500 Meter am tiefsten tauchen können, klang für uns unglaublich. Als einer dann noch die extrem lauten, abgehackten Seeelefantentöne von sich gab, erschraken wir fast über diese unwirklichen Laute, aber trotzdem: Vielen Dank für die Vorstellung! Meist kamen wir erst im Dunkeln von unseren Exkursionen zurück und suchten gleich unser Lieblingslokal auf, welches übrigens eines von zweien war. Die Fisch- und Marricogerichte sind hier draußen schon einmalig gut und so ließen wir die alternative Pizza ganz außen vor.

 

Ein Ziel hatten wir vor unserer Rückkehr nach "Puerto Madryn" noch: die Pinguinkolonie der kleinen "Magellan-Pinguine", die hier zur Zeit ihre Eier ausbrüteten und somit besonders gute Motive für die Kameras abgaben. Sie sind normalerweise nur in südlicheren Gefilden zu finden. Wir konnten uns gar nicht sattsehen an den niedlichen, schwarzweiß gestreiften Genossen, die an Land scheinbar tollpatschig herumwatscheln oder in Erdlöchern ihre 2 Eier ausbrüten. Fast hätten wir die 4 Orkas nicht gesehen, die am leider entfernteren Ufer entlangstreiften. Die Seelöwen zogen sich respektvoll einige Meter vom Wasser zurück, da die Orkas auch auf den Strand schießen, um sich einen von ihnen zu holen. Als auf dem Nachhauseweg noch einige "Guanacos", eine kurzhaarige Lamaart und 2 Nandus am Rand der Schotterpiste standen, war unsere Tiersammlung komplett und im Film festgehalten.

 

Bei strahlendem Sonnenschein saßen wir am letzten Tag in kurzen Hosen in einem Ufer-Cafe und schrieben Reiseberichte. Es hatte sich gelohnt. Sowohl vom Wetter als auch vom Gesehenen war es optimal. Unser großer Wunsch, einmal die Tiere, die seit 55 Millionen Jahre in den Meeren dieser Erde leben, in ihrer natürlichen Umgebung zu sehen, hat sich erfüllt!

Morgen fliegen wir nach "Ushuaia", der südlichsten Stadt der Welt auf Feuerland. Dort wollen wir die Wetterprognosen abfragen und entscheiden, ob wir uns über den "Beagle-Kanal" bringen lassen, um auf "Navarino", der südlichsten begehbaren Insel der Erde auf chilenischem Boden den Trek nach Kap Horn zu gehen.

 

Im Reiseführer steht, dass man bei der Landung in Ushuaia vom Meer kommend zwischen den Bergen keine Flugangst haben sollte, sonst wäre es besser, mit dem Bus anzureisen. Ehe wir in die dichte Wolkendecke eintauchten, unter der sich Minuten später ein verregnetes Ushuaia am "Beagle-Kanal" hervortat, machte allerdings ein spektakulärer Sonnenuntergang, der wie ein Flammenmeer am Abendhimmel wirkte, dem Namen "Feuerland" alle Ehre. Während im nördlichen Teil Argentiniens nun der Sommer mit Temperaturen um die 30 Grad Einzug hielt, dürfen wir hier allenfalls 5-11 Grad erwarten. Auch hier wird es Sommer, was aber nicht bedeutet, dass es nicht auf den Löwenzahn oder die Gänseblümchen schneien kann. Die Wetterlagen im antarktischen Bereich sind im Winter wesentlich stabiler als im Sommer, wo sich auch bei schönem Wetter binnen kurzer Zeit orkanartige eiskalte Stürme aufbauen können. Die wörtliche Übersetzung des Indianerwortes "Ushuaia" lautet: "Bucht, die nach Osten sieht".

 

Die "Magallan-Straße", die 1520 entdeckt wurde, trennt Feuerland vom Festland und der "Beagle-Kanal", erst 1834 entdeckt, die chilenischen antarktischen Inseln mit dem "Capo de Horno" (1615 entdeckt) wiederum von Feuerland. Seit der Entdeckung dieser beiden Passagen blieb es den Seefahrern erspart, das gefürchtete "Kap Horn" zu umsegeln bzw. oft tage- oder wochenlang auf gute Bedingungen zu warten. Uns präsentierte sich ein von Wolkenfetzen verhangener "Beagle-Kanal" und wir konnten im letzten Tageslicht auf der anderen Seite die von einer dicken Schneeschicht bedeckten Berggipfel der chilenischen Insel "Navarino" erkennen, die ja in einigen Tagen unser Ziel sein sollte.

 

Am nächsten Morgen weckte uns strahlender Sonnenschein und wir schlenderten durch den Haupttouristenort Feuerlands. Vor der Stadt das eisblaue Meer, dann mehrere Reihen buntgestrichener Häuser und dahinter steigen steil die nur etwa 1500 Meter hohen, aber auch im Sommer schneebedeckten wuchtigen Bergmassive an. "Wo die Anden das Meer treffen" - nennen wir diesen faszinierenden Anblick. Wir malen uns aus, wie es wohl aussieht, wenn wir nach der Durchquerung von "Navarino" von oben auf die letzten 8 sichtbaren Felsinseln des "Archipelagos Capo de Hornos" blicken, ehe die "Drake-Passage" vor dem Antarktikeis die Ausläufer der riesigen Andenkette endgültig verschluckt. Am Hafen riecht es nach Fisch und Teer, an der Mole liegen ein paar Frachtschiffe sowie ein Antarktik-Kreuzfahrtschiff. Verlaufen kann man sich in der Stadt nicht. Das Zentrum umfasst etwa 6 Blocks vom Ufer landeinwärts und ungefähr 13 Blocks senkrecht zum Uferverlauf. Hier gibt es nette Cafes, typische argentinische Grilllokale, in denen du für 15 Euro essen kannst so viel du möchtest bzw. schaffst: feines Lamm, Steaks, Lende, Rippen oder in Milch eingelegte Därme, alles auf Edelhölzern gegrillt.

 

Wir hatten 2 Tage Zeit, unsere Ausrüstung zu komplettieren. Gas für den Kocher, Dosen, eingeschweißten Käse und Fladenbrot, das nach 1 Woche noch weich ist und gleich schmeckt, was nicht heißt, dass wir es auch gerne mochten. Es fährt wohl ein Boot pro Woche, was dann aber wieder abhängig von Seegang und Wetter ist. Für die Rückfahrt gilt dasselbe. Wenn das kleine Boot für 8-10 Passagiere die ca. 2-stündige Überfahrt nicht macht oder keine Fahrgäste da sind, hängt man in dem Militärstützpunkt fest, bis es die Wetterverhältnisse wieder zulassen. Die vielen Touristen, die die weite Anreise und die Kosten auf sich nehmen, um ein paar Tage in Ushuaia zu verbringen und glauben, dass sie sich hier am "Ende der Welt" befinden, müssen sich eines Besseren belehren lassen: "Worlds End" bezieht sich werbewirksam auf die südlichste Stadt der Welt, nicht aber auf die südlichste Ansiedlung von Menschen. Dies ist nämlich "Puerto Williams" auf der chilenischen Insel "Navarino", dessen Lage auf dem Breitengrad 1500 km weiter östlich das antarktische Eis streift. Seinen Namen verdankt der Ort "Juan Williams", seine Existenz einem Stützpunkt der Marine. Es ist die einzige Siedlung der Provinz "Antarktica Chilena", deren Gouverneur die größte Fläche, aber zugleich die wenigsten Bürger unter sich hat. Wer hier lebt, stammt von der Insel, wurde entsandt oder ist auf Abenteuer und Einsamkeit versessen. In die nächste chilenische Stadt verkehrt einmal die Woche ein Frachtschiff.

 (Trek-Beschreibung siehe Chile - "Trek nach Kaphorn") 

 

Eine Woche nach unserem Trek erschien es uns mit dem Wissen um alles Erlebte, als ob alles nur ein Traum war.  Gut, dass man, wie so oft im Leben, gewisse Dinge nicht vorher weiß, sonst würde man einiges vermeiden und somit auch versäumen.

 

Die letzten Tage auf Feuerland fiel unter die Rubrik "Sightseeing und Relaxen". Ein Halbtagesausflug führte uns noch auf die älteste Estanzia Feuerlands, die "Estanzia Haberton", die ein britischer Missionar im Jahre 1892 erbaute, sich hier mit seiner Familie niederließ, um die bedrohten "Yahgan-Indianer" Südfeuerlands zu schützen. Im 17. Jahrhundert gab es etwa 10.000 Ureinwohner auf den Inseln. 1910 wurden nur noch 350 davon gezählt. Erst um 1860 hatte die Besiedelung durch die Weißen begonnen und in nur 50 Jahren waren die Ureinwohner faktisch ausgerottet worden. Die Gründe waren nicht nur der brutale Landraub, sondern auch, dass für einen toten Indianer teilweise ein Pfund Sterling bezahlt wurde. Durch das Einsperren in Reservate, das Überjagen der Meeressäuger und durch eingeschleppte Krankheiten wurde ihnen zudem die Lebensgrundlage genommen. Wir fuhren mit einem Zodiak auf die kleine Insel "Martillo", wo zur Zeit Magellan- und Papuas-Pinguine nisten und brüten. Im Gegensatz zu "Valdes", wo wir die Magellanes schon beobachten konnten, sind sie hier zuhause und die verschneiten Berge geben einen fantastischen Hintergrund ab. Der Besuch des ehemaligen Gefängnisses rundete unsere Feuerland-Tour ab. Sträflinge waren ab 1902 unter den ersten weißen Bewohnern der Insel, mussten hart für den Aufbau des Ortes arbeiten, was die wenigsten überlebten.

 

Morgen starten wir zurück nach "Buenos Aires" und haben dort noch 6 Tage. Es herrschen sommerliche Temperaturen von 30 Grad und wir werden die warmen Klamotten ganz unten in den Rucksäcken verstauen.