Traumland ...und Straßen in die Einsamkeit

Zu unseren Touren durch Kanada müssen wir etwas weiter ausholen: Norbert hatte schon 1989 den ersten Kontakt in seiner Eigenschaft als Diensthundeführer der Bayer. Polizei und hier insbesondere bei seiner Tätigkeit im Bereich der Lawinenausbildung und Bergrettung. Nachdem er Doug Fenton, unseren späteren Trauzeugen, auf einem Bergwacht-Hundekurs im Allgäu kenngelernt hatte und ihn dieser im nächsten Winter als Ausbilder nach Kanada einlud, entstand daraus eine Freundschaft fürs Leben. Mittlerweile waren wir auf den verschiedensten Touren in den entlegendsten Ecken unseres Traumlandes unterwegs: zu Fuß auf den Spuren des Goldrausches über den legendären Chillkoot-Paß, mit dem Kanu auf dem "Yucon-River" im Yucon, mit dem Camper auf dem „Top of The World-Highway" und dem "Alaska-Highway" in Alaska oder den "Dempster Highway" bis hinauf zu den Eskimos am Nordpolarmeer in die Nord-West-Territorien. Zudem Vancouver Island. Doch der Reihe nach:

 

Unsere 1. Tour führte uns nach Vancouver, dem Ausgangspunkt in British Columbia. Hier lebte Doug und er zeigte uns seine Heimatstadt, die auch als "Tor zum Pazifik" und als "schönste Hafenstadt der Welt" bezeichnet wird. Ein Streifzug durch Downtown zu Fuß, beginnend am Stanley Park, der Lions Bridge, bis hinüber zum Gastown und Chinatown vermittelte die ersten Eindrücke. Abends mit einem 14-m-Boot zum Sunrise hinauszusegeln ging dann schon über das normale Touristenprogramm hinaus. Das begann eigentlich schon damit, dass uns Doug mit einer schneeweißen Stretch-Limousine vom Flughafen abholen ließ. Der Besuch bei seinen Eltern auf Vancouver Island führte uns unmittelbar in ein Traumhaus an der Pazifikküste, an der wir badeten, mit dem  Motorboot zu den Robbenbänken fuhren und …die Wale auf ihrem Weg nach Norden beobachten konnten. Ganz zu schweigen von den selbstgefangenen Riesenkrebsen, die abends als Köstlichkeit auf dem Tisch standen.  Von der Insel aus fuhren wir mit dem Camper auf die Fähre und dann durch die Inland-Passage hinauf bis "Prince Rupert" an die Südgrenze Alaskas. 2 Tage nur durch abgelegenste Gegenden und einer unglaublichen Inselwelt, wo die wenigen Siedler wirklich weit weg von jeglicher Zivilisation leben. Die Kinder werden dort über Funk unterrichtet. Auf dem Landweg ging es dann vorbei an den Lachsgründen der Indianer, denen wir beim Lachsfang in den wilden, reißenden Flüssen zuschauen konnten, Richtung Rocky Mountains. 2 Tage auf der Ranch von Dougs Freunden ermöglichte uns die ersten Ausritte durch die Weiten der Prärie. Reiten ist für die Bewohner dieser Gegenden so selbstverständlich wie bei uns Radfahren – ganz im Gegensatz zu uns. Über "Jasper" und "Banff" ging es über "Kamloops" entlang des "Fraser Rivers" wieder zurück nach Vancouver. Spätere Touren führten uns ins Gebiet des Seensystems "Sushwab Lake" mit über 1.500 km Ufer sowie in die Gegend von Radium Hot Springs und Kelowna in die "Columbia Mountains", wo wir auf dem "Kootney-River" mit dem Kanu als Mitfahrer durchs Wildwasser fuhren. Das war für uns ein echtes Abenteuer, aber unser Freund Russ lenkte uns ganz cool durch Stromschnellen und vorbei an Felsblöcken.  Dort sahen wir auch unsere ersten Adler und Schwarzbären, die uns beim Vorbeifahren von Kiesbänken aus beäugten.

 

Bei der 2. Tour durfte ich, Norbert, alleine den kanadischen Winter erleben: Auf Einladung von CARDA, der kanadischen Lawinenhundeorganisation, machte ich mich auf den Weg, in der Nähe von Ferni, hoch in den Rocky Mountains, den 2. Kanadischen Lawinenhundelehrgang zu leiten. Eine spannende Geschichte mit einer Vielzahl neuer Möglichkeiten. Es entstanden neue Bekanntschaften und der Sponsor "Whistler Mountain" lud mich noch für ein paar Tage zum Skifahren ein. Schade nur, dass das Heli-Skiing wegen schlechter Witterung ausfallen mußte. Ich konnte es bis heute nicht nachholen. Dafür nahm mich mein Ausbilder-Kollege, ein Polizist der RCMP nach dem Lehrgang mit zu sich nach Hause und ich fuhr bei Einsätzen im Bereich der Drogenfahndung als bayerischer Kollege bei ihm mit. Wir machten während der Ausbildung ein Schneeprofil mit 2.90 m Pulverschnee ohne Harschschicht. Ihr könnt euch vorstellen, was es bedeutet, hier durch die unberührten Hänge abzufahren. Das Schwierigste war wirklich, atmen zu können, wenn man den Lockerschnee aufwirbelte. Ich bin nie wieder ähnlich schön abseits der Pisten Ski gefahren. In der Gruppe waren auch Telemarker, die dem Ganzen noch die Eleganz vermittelten.

 

Die folgenden Touren führten uns immer weiter hinauf in den Norden, in die Weiten des Yukon, nach Alaska und die Nord-West-Territorien. Ausgangspunkt war immer Whitehorse. So auch unsere Trekking-Tour auf den Spuren der Goldgräber, die während des Goldrausches ebenso wie wir den Chilkoot-Paß überquerten. Wir folgten eine Woche lang dem Lockruf des Goldes und es ist noch immer ein Abenteuer. Man muss die Spielregeln im Bärenland kennen, denn es passieren immer wieder tödliche Unfälle durch Unwissenheit. Zugegeben, wir schliefen die ersten Nächte nicht gut, obwohl wir unsere gesamten Vorräte weit weg vom Lagerplatz über 4 m hoch in die Bäume gehängt und hier auch nicht gekocht haben. Im Zelt darf weder Müll noch Essbares sein. Alles beachtet und …trotzdem, ein komisches Gefühl, wenn es draußen raschelt. Über die "Golden Stairs" ging es hinauf zum Paß und zur Grenze, allerdings mit dem Unterschied, dass die Stampeder damals ihre Vorräte für 1 Jahr nachweisen und somit bis zu 25 Mal die Strecke machen mussten. Uns hat die 10-stündige Tagestour vollauf gereicht. Über den "Lake Lindeman" erreichten wir die Zugstrecke des "White Pass", wo jedoch nur 1x wöchentlich ein Zug kommt. Dieses Glück hatten wir natürlich nicht und es folgte noch eine Tagestour bis zur Autostrasse, an der uns Kirstie, eine Bekannte abholte. Mit den selbstgebauten Floßen sind auf dem "Yukon-River" manche Stampeder gegen Felsen gefahren und untergegangen und man sah verwegene Burschen mit langen Bärten weinend am Ufer sitzen, weil sie alles verloren hatten und ihr Traum vom großen Glück ausgeträumt war.  

 

 Die 3. Tour führte uns über den "Alaska-Highway" hinüber nach "Anchorage" am Golf von Alaska. Durch das Weltkulturerbe der Gletscherwelt des Kluane-Parks. Über den Traum jedes Anglers, die Halbinsel Kenai, ging es in den "Prince William Sound". Hier bestiegen wir ein Boot und fuhren hinaus an die riesigen Gletscherbrüche und beobachteten sie beim Kalben. Hier hörten wir erstmals von den über 90 Pfund schweren Silberlachsen, von Buckellachsen und von den Lachswanderwegen zu den Laichplätzen. Im Verlauf der Tour fingen wir unsere ersten Lachse: einen 20 Pfund schweren Königslachs und einige Buckellachse, die wir filetierten. Durch die endlosen Tundraflächen des Denali-Parks ging es weiter zum höchsten Berg Nordamerikas, dem "Mount Mc Kinley" mit 6.194 m. Dann über den einsamen Denali-Highway hinüber zum Top-of-the-World-Highway, dem nördlichsten Highway Amerikas, der nur 4 Monate im Jahr befahrbar ist. Für die Siedler dort ist das kleine Flugzeug hinterm Haus die einzige Möglichkeit, Anschluss zur Außenwelt zu halten. Bei jeder Biegung der ungeteerten Piste eröffnet sich ein neuer Blick, der uns in ungläubiges Staunen versetzte. Die endlose Weite, umrahmt von Bergen, Flüssen und Seen. Wir beobachteten eine Elchkuh, die durchs Wasser watete, Grizzleys, Karibu-Herden und die alaskanischen Jäger, die mit ihren Söhnen auf 4-Wheels durch die Tundra fuhren, um ihre Vorräte aufzufüllen. Die wenigen Verkehrsschilder hier waren alle großkalibrig durchschossen. An der einsam gelegenen Grenzstation zu Kanada war ein großes Hallo und wir tauschten unsere Polizeiabzeichen aus. Endlich erreichten wir Dawson-City, die legendäre Goldgräberstadt zu Zeiten des Goldrausches. Unseren ersten Abend verbrachten wir in Gerdi´s Saloon. Hier trifft man auch heute noch auf Goldgräber aus der Gegend, die um hohe Beträge spielen und immer wieder einige Jetons den kreischenden  Tänzerinnen auf die Bühne werfen. Ja, es ist halt die Stadt des Goldes und der rauhen Männer. Was die Tänzerinnen betraf aber sicher auch die der schönen Frauen. Wir streiften durch die Umgebung von Dawson. Jeder Zentimeter wurde hier im Laufe der Jahre umgegraben. Heute gibt es eine Unzahl von Claims, deren Besitzer vom Goldschürfen leben. Die großen, staatlichen werden jedoch maschinell mit Wasserdruck und riesigen Baggern bearbeitet. Ein Nugget um den Hals erinnert uns noch heute daran.

 

Ein besonders Erlebnis wurde die Entscheidung, auf einer anderen Tour mit einem Allrad-Pickup von Whitehorse über den legendären Dempster Highway bis nach "Inuvik" über den Nordpolarkreis hinaus ans Eismeer zu fahren. Dies zur Zeit des Indian Summer, der die Wälder und die Tundra in den schönsten Farben taucht. Vom Abzweig des "Klondike-Highways" sind es ca. 750 km, wo auf der Schotterpiste kein Haus bzw. Dorf mehr kommt, abgesehen von einer Trucker-Tankstelle mit einer Landebahn. Die Staubwolken der Trucks sieht man schon von Weitem und man muss sein Fahrzeug neben die Piste fahren, damit die Scheiben nicht von den herumgeschleuderten Steinen zerbrochen werden. Darauf zu hoffen, dass die Trucker die Geschwindigkeit reduzieren und Rücksicht nehmen, wäre ein großer Fehler. Wir standen nachts an irgendwelchen Flüssen inmitten der Tundraflächen und brieten uns die gefangenen Polar-Eschen. Es war keine Seltenheit, dass wir noch dampfende Kothäufen von Grizzleys fanden. Ein großes Bärenspray sowie Schafsglöckchen am Gürtel sind Pflicht, um die Bären nicht zu überraschen, was sehr gefährlich werden könnte. Vorbei an Karibu-Herden ging es immer weiter Richtung Polarkreis, den wir bei strömendem Regen und Sturm überquerten. Es ist schon ein eigenartiges Gefühl, sich nur zu zweit so weit weg von jeglicher Zivilisation zu befinden. Hier begann das Reich der Mitternachtssonne, dessen Landschaft durch schlichte Schönheit und klare Linien besticht. Weite Tundratäler, umgeben von den Kuppen der Berge und Hügel aus Geröll und Kies, begleiten die einsame Straße. Permafrost und stetiger Wind erzeugen ein arktisches Mikroklima, in dem Bäume nur an den Ufern tief eingeschnittener Bäche existieren können. Dann begann der Abstieg in das Mackenzie-Delta, das sich gut 160 km breit durch das Tiefland Richtung Polarmeer erstreckt. Ein Labyrinth von Seen und Sümpfen, durch das der träge fließende Mackenzie-River weite Schleifen zieht. Mit der Fähre überquerten wir den Peel-River und dann waren es noch 11 km bis Fort McPherson, einem alten Handelsposten der Hudsons`s Bay Company, aus dem über die Jahre eine kleine Siedlung der Dene-Indianer entstand. Hier standen wir auf dem kleinen Friedhof vor der weiß getünchten Holzkirche vor dem Grab der  RCMP-Patroullie (Royal Canadian Mounted Police), die auf der langen Strecke nach Dawson City mit dem Hundeschlittengespann vermisst war und später erfroren aufgefunden wurde. Die Hunde hatten sie bereits gegessen, aber den Temperaturen von bis zu -50 Grad konnten die Vier nicht standhalten. Wir stellten uns bildlich vor, welche Distanzen diese Männer mit den Schlittenhunden zurückgelegt haben – für uns unvorstellbar. Als wir mit der einfachen Fähre den riesigen Mackenzie-River überquerten,  entdecken wir eine malerisch auf dem Steilufer gelegene Siedlung, deren weißgestrichene Kirche weit über den Fluss leuchtete. Die 100 Einwohner, hauptsächlich Indianer, leben überwiegend vom Jagen, Fischen und Fallenstellen. Wir erinnern uns noch an ein einfaches Holzkreuz mit der Aufschrift "Trapper John", der hier offensichtlich auf dem Durchweg verstorben oder auf eine andere Art ums Leben gekommen war. Nach weiteren 130 km durch monotones Flachland und sumpfigen Krüppelwald, dessen Bäume selten höher als einige Meter waren, erreichten wir Inuvik. In der Sprache der Eskimos der "Platz der Menschen". Sie dient heute als Verwaltungs- und Versorgungszentrum für die gesamten nördlichen Territorien sowie der Öl- und Gasexploration in der Beaufort-See. Hier liegt die Zukunft, was die letzten Öl- und Gasreserven dieser Erde betrifft. Hier oben lässt sich gutes Geld verdienen. Dort beginnt auch der legendäre "Eis-Highway", der weitere 220 km übers zugefrorene Meer führt. Dennoch hat das pionierhaft in die Wildnis gesetzte "Inuvik" auch seine Vorzüge. Die bunt gestrichenen Häuser haben der Stadt den Namen "Ostereierstadt" eingetragen und bilden die einzigen Farbklekse in der einförmig grünen Landschaft. Wir kamen nachts an und hatten weder Wasser noch Gas zum Kochen oder Beheizen unseres Pickups. In unserer Not klingelten wir die Kollegen in der RCMP-Polizeistation raus und wir konnten nicht nur auffüllen, sondern hatten sogar noch einen gut bewachten Stellplatz neben dem Gebäude. Seitdem hängt ein Bayerisches Polizeiabzeichen im Vorraum der Dienststelle. Zum Thema Permafrost bleibt zu sagen, dass in den letzten Jahren die auf Stelzen gebauten Holzhäuschen alle 2-3 Jahre neu ausgerichtet werden müssen, weil Bewegung ins ewige Eis gekommen ist. Eine bedenkliche Entwicklung für die gesamte Erde, von denen sich die Umweltminister der großen Industriestaaten hier ein Bild machen sollten. Es gab allerlei zu sehen in dieser einmaligen Eskimostadt, angefangen von der Iglukirche  bis hin zur Zucht der weißen Schlittenhunde, die weltberühmt ist. Nachts saßen wir bei Minusgraden vor unerem Truck und konnten uns nicht sattsehen an den grünschimmernden Magnetfeldern, die wie von starken Winden gepeitscht, bizarre Formen in den Nachthimmel malten. Ja, es sind die langersehnten Polarlichter - endlich sehen wir sie in echt. Die Postkartenansichten schienen uns immer sehr unwirklich, doch genauso waren die Farben und Formen am Nachthimmel. Vielen Dank für dieses Erlebnis, das nicht für jeden Besucher selbstverständlich ist.  Ein Flug hinaus auf "Herschel-Island", der verlassenen Walfangstation, war wegen der fortgeschrittenen Jahreszeit leider nicht mehr möglich. Ihr werdet es nicht glauben, aber wir würden gerne einmal im Winter wiederkommen, wenn hier die Jagdsaison eröffnet ist. Dann über den Eis-Highway hinauf zur kleinen Eskimosiedlung Tuktoyaktuk fahren, wo sie ihre Gefrierkeller einfach in den Boden gebaut haben. So aber ging es erstmal die einsamen 750 km wieder zurück durch die arktische Weite.

 

Unsere Freunde und Trauzeugen Doug und Marlene wohnen zwischen Kamloops und den Rockies im wunderschönen Shuswab-Gebiet, einer Gegend, in die wir uns schon lange verliebt haben. Sie leben auf einer Ranch mit Rindern, Schafen, Turkies, Schweinen, Hühnern, Gänsen und Hunden. Während unserer Aufenthalte helfen wir dann tatkräftig mit und verdienen uns somit unser Barbeque. Er begleitet als Arzt Filmteams auf Expeditionen bzw. bei Filmaufnahmen, wie z.B. dem gigantischen Werk "Titanic", wo er nicht nur für die Betreuung, sondern auch für die Organisation von Sicherheitsmaßnahmen sowie evtl. Bergungsaktionen mit Hubschraubern zuständig war. Beide flogen im Jahr 2000 extra von hier nach New York, um uns bei der Trauung in der Townhall von Manhattan zur Seite zu stehen. Echte Freunde halt, von denen der Abschied stets sehr, sehr schwerfällt und uns beiden schon manche Träne davongekullert ist. Wir freuen uns schon heute auf unser nächstes Wiedersehen.

 

Thanks a lot – nice to meet you again.